Der pyramidale Bau des Dramas nach Gustav Freytag mit eigenen Erläuterungen zur Anwendung dieses Modells auf Lessings Emilia Galotti
1. Akt – Exposition
- Der Zuschauer wird eingeführt in Zeit, Ort, Atmosphäre der Handlung
- Die für die Handlung wichtigen Personen werden direkt oder indirekt vorgestellt
- Man erfährt die Vorgeschichte und der Konflikt beginnt sich abzuzeichnen
à 1. Akt dient bei E.G. als indirekte Einführung der Hauptperson Emilia durch den Prinzen und den Maler. Auch weitere wichtige Charaktere (Prinz, Odoardo, Appiani, Marinelli) werden grob vorgestellt. Konflikt wird eingeleitet durch Liebesbekenntnis des Prinzen und Marinellis Bericht, dass Emilia noch am selben Tag heiraten werde. Durch Marinellis Auftrag bzw. Plan am Ende des 1. Akts beginnt die eigentliche Handlung und damit der Konflikt.
2. Akt – Steigernde Handlung mit erregendem Moment
- Die Handlung enthält entscheidenden Anschub
- Interessen stoßen aufeinander, Intrigen werden gesponnen etc.
- Beschleunigung der Handlung in eine bestimmte Richtung
- Die Spannung auf den weiteren Verlauf und das Ende steigt (Aufbau Finalspannung)
à Im zweiten Akt erhält die Handlung den entscheidenden Anschub: 1. durch Emilias Begegnung mit dem Prinzen, von der ihr ihre Mutter abrät zu berichten
2. durch die Begegnung zwischen Marinelli und Appiani, der den Auftrag des Prinzen ablehntDie unterschiedlichen Interessen von Hof und Bürgertum stoßen aufeinander: Appiani und Odoardo wollen Abgeschiedenheit und Tugend, auch für Emilia, Marinelli und der Prinz wollen Emilia als Spielzeug für den Prinzen gewinnen. Die erste Intrige Marinellis geht nicht auf, die zweite Intrige deutet sich zwischen den Dienern Pirro und Angelo an.
3. Akt – Höhepunkt
- Die Entwicklung des Konflikts erreicht einen Höhepunkt
- Protagonist/in steht vor Auseinandersetzung, die das weitere Schicksal entscheidet
- Der Wendepunkt (Peripetie) zu Sieg oder Niederlage wird herbeigeführt
à Im 3. Akt wird der Höhepunkt des Stückes in mehrfacher Hinsicht erreicht. Der Zuschauer (mit dem Prinzen) erfährt von Marinellis Plan, der im selben Moment ausgeführt wird. Emilia wird erfolgreich zum Prinzen gebracht. Sie ist misstrauisch, es kann aber verhindert werden, dass sie zu Mutter und Appiani zurückkehrt. Die Mutter sucht ihre Tochter und erkennt in der Begegnung mit Marinelli, dass dieser den Tod des Grafen veranlasst hat und enttarnt ihn als Mörder und Drahtzieher.
4. Akt – Fallende Handlung mit retardierendem Moment
- Handlung fällt auf das Ende zu
- Trotzdem wird Spannung noch mal gesteigert, indem Entwicklung im retardierenden Moment verzögert wird
- Der Protagonist (Held) scheint doch noch gerettet zu werden
(z.B. durch Einführung einer neuen Person)
à Orsina ist die neu eingeführte Person, die im 4. Akt für das retardierende Moment sorgt, nachdem sie Marinellis Machenschaften durchschaut hat, indem sie Odoardo die Intrige erklärt (für „Aufklärung“ sorgt) und ihm den Dolch gibt, der ein mögliches Mittel ist, Emilia doch noch vom Prinzen zu befreien. Sie hilft Odoardo ebenfalls indem sie Claudia zur Flucht verhilft. Der Dolch wird später zum entscheidenden Schlüsselinstrument.
5. Akt – Katastrophe
- Schlusshandlung bringt die Lösung des Konfliktes mit Untergang des Protagonisten
- Häufig ist der äußere Untergang (Tod) mit dem inneren Sieg (z.B. Verklärung des Protagonisten/Helden) verbunden.
à Die Katastrophe ereignet sich als Emilia, aus Angst vor dem Verlust ihrer Tugend und Unschuld, ihren Vater darum bittet sie zu töten, um den Verführungen des Prinzen zu entkommen. Emilias Sieg besteht darin, dass sie zwar ihre biologische Existenz verliert, ihre moralische Existenz aber gewahrt bleibt. Das Richten über die Schuld der Beteiligten wird dem Gericht Gottes überlassen. Dem absoluten Herrscher kann hier nur das absolute Gericht entgegengehalten werden, da das Bürgertum in dieser Welt keine Macht über den Adel hat.
Katja sagte,
April 1, 2008 um 3:49
hey, ich finds auch wirklich super, dass du dir soviel mühe machst und deine ergebnisse ins internet stellst. es beruhigt zu sehen, ob man so ungefähr das gleiche gelernt hat
Jetzt hätte ich noch ne frage und hoffe, sie wird beantwortet^^
Tugendhaftigkeit wurde doch in Zeiten der Aufklärung als gute Eigenschaft gesehen. Warum aber wird der Tod Emilias, der ja eine tugendhafte Entscheidung war, von so vielen Leuten als nicht aufklärerisch gehalten?
ich bin irgendwie verwirrt.
abistokratin sagte,
April 2, 2008 um 6:55
Hmm. Ich würde nicht sagen, dass ihr Tod nicht aufklärerisch ist. Ihr Handeln bzw. besser ihr Nicht-Handeln im Drama wird als Unmündigkeit angesehen. Alle sagen ihr was sie zu tun hat: Ihre Eltern arrangirten vermutlich die Ehe, demnächst wird sie von Appiani bevormundet, ihre Mutter sagt ihr, dasssie wegen der Sache in der Kirche schweigen soll… usw… ihr Wunsch zu Sterben ist die erste aufgeklärte Handlung von ihr, denn sie entscheidet darüber, dass sie die Tugend über ihr Leben wählt.
Soweit meine Meinung. Man könnte evtl interpretieren, dass Emilia sich stattdessen gegen den bösen Herrscher hätte auflehnen sollen, das sie ne revolution anzetteln hätte sollen oder so was… das finde ich aber eher absurd und nicht der Zeitgemäß, aber ist nur meine Meinung.
ina sagte,
April 3, 2008 um 11:22
mhh also ist nicht aufklärerisch dass man anfängt selbst zu denken und danach zu handeln was man selbst für richtig hält und nicht mehr das einfach „frisst“ was einem vorgelebt wird? it nicht gerade DAS das aufklärerische daran?
oder is das jetz n falscher ansatz?
abistokratin sagte,
April 3, 2008 um 11:48
Doch, doch, genauso seh ich das auch so. Deshalb denke ich ja, dass ihr Tod der eigentliche aufklärerische Schritt aus ihrer Unmündigkeit heraus ist.
Andrea sagte,
April 4, 2008 um 10:21
Der Tod ist ja eben ihr einziger Schritt heraus, sonst wäre sie ihn ja nicht gegangen.
Die andere Möglichkeit wäre ja gewesen sich dem Prinzen hinzugeben, da hatte sie ja so einige Probleme, seinem Charme zu widerstehen, siehe die Szene in der Kirche, nach der sie so „wuschig“ ist^^ und die in Akt 3,5, in der sie ihm ins Gemach folgt. Dieser Verführung nachzugeben wäre ja eben nicht tugendhaft und aufgeklärt. Da sie dieses Risiko nicht eingehen will, bittet sie ihren Vater sie zu töten. So konnte sie zwar nicht ihr Leben, aber ihre Unschuld bewahren.
ina sagte,
April 5, 2008 um 6:14
dann wäre doch revolutionärer, wenn sie tut wonach ihr ist und sich nicht der gesellschaft anpasst und sich lieber töten lässt…? es ist doch ein rückschritt oder zumindest keine entwicklung nach vorn wenn sie ´durch ihren tod quasi vor ihrem problem wegläuft….?
hab iwie probleme mit der aufklärung, das is für mich widersprüchlich… :“ Tugendhaftigkeit wurde doch in Zeiten der Aufklärung als gute Eigenschaft gesehen “
wenn doch versucht wird neue denkweisen zu entwickeln, wieso is dann das althergebrachte aufklärerisch…?
bin vollkommen verwirrt
abistokratin sagte,
April 5, 2008 um 6:24
Ich glaub jetzt hab ich verstanden was du meinst! Du gehst zu sehr von heute. Aus heutiger Sicht sagen wir, es ist doch dumm sich der Konvention anzupassen. Aber aus damaliger Sicht, waren die Vorstellungen des Bürgertums sich dem Adel zu wiedersetzen neu und revolutionär. Das sie sich ihm nicht hingibt, dass sie nicht macht, was er (als Herrscher) sagt, dass ist revolutionär und zeigt, dass das Bürgertum damit versucht von der Herrschaft des Adels auszubrechen. leider haben sie da (z.B in Deutschland) nicht so viele Möglichkeiten. Daher ist Emilias einziger aufgeklärter Ausweg der Tod.
abistokratin sagte,
April 5, 2008 um 6:27
Das althergebracht war damals, dass der Adel immer mehr dem Laster verfallen war. Das das Bürgertum die (antiken, klassischen) Tugenden aufrgriff, war neu, aufklärerisch, selbstdenkend. Die Tugenden und Denkweise des Bürgertums war schon eine Entwicklung zu allem davor. Für Lessing ist ihr Tod nicht weglaufen, sonder Lösung des Problems weil sie, wenn sie bleibt keine andere Möglichkeit gehabt hätte, als die Gespielin des Prinzen zu werden oder sonst irgendwie untugendhaft (in dem sie den prinzen zB. tötet). Hilf dir das?
Marc B. sagte,
April 5, 2008 um 6:27
also kann man sagen das sie aufgeklärt ist? ;D (im sinne der aufklärung
)
Sabbi sagte,
April 5, 2008 um 6:28
Marc B. sagte,
April 5, 2008 um 6:40
ich will jetzt nicht den schwarzen peter an die wand malen ;D aber da emilia den idealen der Kirche uneingeschränkt folgt ist sie nicht aufgeklärt ;P
viel spass^^
abistokratin sagte,
April 5, 2008 um 6:49
Nein vorher ist sie nicht aufgeklärt. Sie ist erst nachher aufgeklärt beim Sich- Töten-Lassen. Denn dass entspricht sicherlich NICHT den idealen der Kirche.
Sabbi sagte,
April 5, 2008 um 6:50
Patrick sagte,
April 6, 2008 um 10:30
hey
also wir haben einen text zu diesem drama gelesen (zu faul jetzt das ding zu suchen) wo drinne stand, das emilia galotti natürlich ein rama der aufklärung ist, aber die handlung emilias keine aufgeklärte handlung ist. denn sie ist von traditionierten tugenden ihres vaters bestimmt und handelt dem entsprechend. auch wenn sie somit ihren „freitod“ wählt, ist es keine freie entscheidung ihrer selbst, sondern eine sntscheidung die einzig und allein durch ihre erziehung geprägt ist.
bin mir zu 99,9% sicher das das genau so in dem text stand und ich das jetzt nach der sauferei in dieser mottowoche noch richtig in erinnerung habe. Warum dieses stück dann aufklärerisch ist? Ganz einfach: die Katharsis die dem zuschauer wiederfahren soll ist das zentrale element, welches den zuschauer aufklärt! nachdem der zuschauer das drama gesehen hat soll er darüber urteilen und erkennen das emilias tod keine konforme lösung bezüglich des aufklärerischen gedankens ist.
ich wünsche euch allen viel glück für morgen
noch ein kleiner tipp vllt: http://www.abicast.de
byebye
abistokratin sagte,
April 6, 2008 um 11:25
Kleiner Verschreibfehler. Ich meinte natürlich, das Bürgertum, das die Tugenden aufgriff. Patricks Lösung des problems finde ich übrigens sehr gut. Auch wenn es mir scheint, als sei das ein bisschen Intepretationssache, wie man Emilias Tod nun sieht.
max sagte,
April 6, 2008 um 11:29
jep so sehe ich das auch. tugendhaftigkeit ist ja gut und schön … aber in dieser form ist sie einfach zu übertrieben und die personen verlieren den bezug zur realität
Tim sagte,
April 6, 2008 um 1:30
Hi!!Kann mir mal einer sagen wer jetzt eig der Held im Drama ist??Der Prinz oder doch Emilia Galotti??
danke für die Hilfe
Lena sagte,
April 6, 2008 um 1:42
Wow der Begriff „Held“ ist mir bezüglich E.G. nie untergekommen.
Der Prinz ist sicherlich kein Held, er verwaltet sein Fürstentum unverantwortlich und absolutistisch.
Emilia als Heldin? Gut, mit ihrem Tod geht sie den ersten Schritt in die Mündigkeit , sozusagen ihr Tod als „aufklärerischer Schritt“ aber Heldin, naja, ich weiß nicht.
Mein Held im Drama ist Camillo Rota. Eine sehr kleine Rolle, jedoch bewusst von Lessing gewählt, da Rota aufgeklärt ist. Er lässt den Prinzen das Todesurteil nicht unterschreiben und gibt vor es nicht dabei zu haben da der Prinz „recht gern“ antwortet, als Rota mit dem Todesurteil kommt.
Camillo Rota handelt also so, dass sein Handeln jederzeit zu einem Naturgesetz werden könnte – Aufklärung nach Kant.
Somit ist er , wenn überhaupt,meiner Meinung nach der einzige Held im Drama.
abistokratin sagte,
April 6, 2008 um 3:11
Also Helden im moralischen Sinne sind sicherlich wenige dabei ^^ Aber „Held“ im Sinne von Protagonist(in) ist natürlich Emilia!
ina sagte,
April 6, 2008 um 5:07
genau, den letzten kommentar wollte ich auch grad schreiben
hab mir jetz nochmal die aufklärung im buch angeschaut un jetzt ist mira auch klar geworden… wie lea schon sagte widersetzte man sich dem lasterhaften adel durch diese tugenden… im sinne der aufklärung vllt noch wichtig dass das gute dem vernünftigen gleichgesetzt wurde… das war so mein persönliches bindeglied bei der sache…
aba danke für die vielen antworten, hat mir sehr geholfen!!!
viel glück allen morgen!
Abiana Jones sagte,
April 6, 2008 um 5:10
Die aufgeklärte und aufklärende Figur ist Orsina.
Erhp sagte,
April 6, 2008 um 5:25
Ich hab da so ein kleinen Problem
Also entschdeidet emilia selbst für den Tod und aus der Unmündigkeit heraus oder ist sie nur durch ihre Erziehung und die damit verbunden Tugenden dazu gezwungen?
Lena sagte,
April 6, 2008 um 6:08
Genau das habe ich meine Deutschlehrerin auch gefragt. Aber sie betonte stets: Emilias Tod ist ihr erster „eigener“ Schritt , also sie trifft selbst ihre erste eigene Erscheinung.
Zu „Abiana Jones“: Deine Aussage ist falsch.
Diesen Fehler habe ich auch schon mal begangen. Du musst bedenken: Aufklärung nach Kant: Handle so, dass die Maxime deiner Handlung stets zu einem allgemeinen Naturgesetz werden könnte!
Und so handelt Orsina ganz sicher nicht, also ist sie im Gedanke Kants nicht aufgeklärt. Natürlich , sie ist gebildet und intelligent, aber man muss hier Kant unbedingt berücksichtigen.
Ich habe es auch zuerst nicht gemerkt/eingesehen aber meine Lehrerin machte mich darauf aufmerksam.
abistokratin sagte,
April 6, 2008 um 7:35
Osina ist aber die Person, die für aufkärung sorgt! Indem sie nämlich den Plan Marinellis durchschaut. Ich denke, sie hätte ja auch weiterhin standhaft dem Prinzen gegenüber bleiben können. Aber sie wusste, dass sie dem Prinzen nicht hätte wiederstehen können (irgendwo sagt sie, sie spüre ihr warmes blut). Deshalb triff sie für sich die entscheidung sterben zu müssen, weil das aus ihrer sicht am vernünftigsten ist. Soweit meine Meinung dazu.
abistokratin sagte,
April 6, 2008 um 7:37
Aufgeklärt heißt aber auch: Ausweg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit und sich seines Verstandes zu bedienen ohne anleitung anderer. Und als selbstbewusste und scheinbar auch selbstständige Frau könnte man das Orsina doch schon als Eigenschaft zuschreiben. Schließlich denkt sie selbst und lehnt sich auch gegen Marinelli auf, ist frech zu ihm, sagt was sie denkt usw.
abistokratin sagte,
April 6, 2008 um 7:40
Achja: Was auch immer morgen kommt: Lasst euch nicht verunsichern. Sucht argumente die für eure These sprechen. Es gibt keine Generalantwort auf Emiliafragen. Höchstens von Lessing selbst ^^ Belegt, was ihr denkt, dass richtig ist. Sapere Aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen und nicht das aufzugreifen, was irgendwer einem vorkaut
Viel Erfolg!
Lena sagte,
April 6, 2008 um 8:13
Deine Argumente habe ich in der Diskussion mit meiner Lehrerin auch angeführt. Sie war jedoch der Meinung, dass man Orsina in keinstem Fall als aufgeklärte Person in E.G. bezeichnen darf.
Was bin ich froh dass die Zeit, in der man seine eigene Meinung / Ansicht zurückhalten muss weil man sonst einfach schlechtere Zensuren erhält obwohl man sich sehr sicher ist, seit Freitag vorbei ist!
Euch allen viel Erfolg und eine Prise Glück kann auch nie schaden!
ina sagte,
April 8, 2008 um 6:14
seit freitag vorbei? also nee, das denk ich nich
ersma warten was düsseldorf uns bringt :-!
Friedi sagte,
April 13, 2008 um 12:22
hey an alle: ich sschreibe morgen auch ne klausur über emilia galotti und bevor ich diese seite gefunden hab war irgendwie überhaupt nichts klar.. die seite hat mir total weiter geholfen.. danke an alle